Was geschieht, wenn die Mitte ihre feste Bedeutung verliert und plötzlich auch die Ränder ins Zentrum rücken?

In dieser Folge von CULTURA spricht Michel Sperlich mit dem Künstler Christian Mieves über seine Ausstellung „Überall ist Mitte“ im Museum Schlosspark in Bad Kreuznach. Ausgangspunkt ist ein Gedanke des Philosophen Giordano Bruno: Das Universum besitzt kein festes Zentrum – überall kann Mitte sein.

Christian Mieves erzählt, wie diese Vorstellung seine Malerei prägt. In seinen Bildern lösen sich Figuren und Hintergründe auf, Formen verschwimmen und scheinbar Nebensächliches gewinnt an Bedeutung. Nicht die eindeutige Darstellung steht im Mittelpunkt, sondern die Suche, das Unfertige und die Offenheit gegenüber dem Unbekannten.

Das Gespräch führt tief in seinen Arbeitsprozess: Bilder entstehen in vielen Schichten, werden übermalt, gedreht, weggekratzt und neu zusammengesetzt. Farbe ist dabei nicht nur Farbton, sondern Material mit eigener Bewegung, Geschichte und Widerständigkeit. Manche Werke entstehen schnell, andere verändern sich über Monate hinweg.

Weitere Themen sind die besondere Bedeutung analoger Malerei im digitalen und von KI geprägten Zeitalter, die Nähe und Distanz von Bildern, Landschaft und Erinnerung sowie die Frage, ob Malerei überhaupt gelehrt werden kann. Christian Mieves berichtet außerdem von seiner Arbeit mit Studierenden an der Newcastle University und davon, wie sich künstlerische Praxis und theoretische Forschung gegenseitig beeinflussen.

Ein Gespräch über Bilder, denen man nicht sofort trauen sollte, über die produktive Kraft der Uneindeutigkeit und über die Freiheit, nicht alles eindeutig einordnen zu müssen.

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CULTURA #05 Transcript

Amalie
CULTURA - Kulturgespräche. Der Podcast von Forum Cultura Was geschieht, wenn die Mitte ihre feste Bedeutung verliert und plötzlich auch die Ränder ins Zentrum rücken? In dieser Folge von Kultura spricht Michel Sperlich mit dem Künstler Christian Mieves über seine Ausstellung "Überall ist Mitte" im Museum Schlosspark in Bad Kreuznach. Ausgangspunkt ist ein Gedanke des Philosophen Giordano Bruno. Das Universum besitzt kein festes Zentrum, überall kann Mitte sein. [Musik]

Michel
Ja Christian, willkommen hier in Bad Kreuznach. Wie hast du eigentlich das Museum Schlosspark und den Puricelli-Saal hier erlebt?

Christian
Also ich muss sagen, was mich wirklich an dem Saal hier beeindruckt hat, war dieses ganze Ensemble drumherum. Die Geschichte drumherum. vom Rittergut angefangen bis zu dieser Bäderstadt und was ja alles mit diesen Heilquellen, was ja alles auch hier ein bisschen dokumentiert ist. Aber dann auch die Römerhalle, die direkt nebendran ist und der Park, was ja alles mit diesem Saal auch mit rein spielt. Das war so ein Eindruck, der mich wirklich begeistert hat an dem Ganzen. Und dann war es natürlich auch wirklich der ich muss sagen der der nette empfang von dem team hier Marek Haas Simon Maurer und Herrn van Bell den Direktor muss was wirklich toll war die haben wirklich unterstützt haben die Ausstellung hier aufzubauen

Michel
ja ja klasse wenn wir jetzt gemeinsam durch die Ausstellung gehen würden wo würden wir den Rundgang denn beginnen was was wird ein Startpunkt also ich

Christian
Ich glaube der Startpunkt sind wirklich diese Bilder hier am Eingang. Da sind drei Bilder und das sind alles Bilder mit Figuren drin. Und man könnte sagen, das sind klassische Rückenfiguren.

Also man sieht immer Personen von hinten, die irgendwie in die Weite blicken. Und das scheint mir ein guter Anfangspunkt zu sein, weil das so alles widerspiegelt, was so in dieser Ausstellung hier stattfindet. Die Figuren lösen sich auf, verschwimmen mit dem Hintergrund.

Die Figuren gucken immer in eine Weite, in eine Ferne, die sehr undefiniert ist. Und ich glaube, es geht generell um diese Konfrontation mit dem Fremden. Ich glaube, diese Bilder hier im Eingangsbereich, die wären sehr passend, einfach alle Themen, die wir wahrscheinlich auch besprechen werden, irgendwie so aufzugreifen.

Michel
Abzumildern. Ja, sehr schön. Jetzt ist ja der Titel "Überall ist Mitte". Was bedeutet der Satz persönlich für dich jetzt?

Christian
Also erst mal ist er ja von dem Titel von diesem Giorgiano Bruno ausgegangen, der Philosoph im 16. Jahrhundert, der irgendwie so ganz radikal was propagiert hat, ja, wo Hierarchien auf einmal weggenommen wurden, ja, und wer gesagt hat, in Bezug auf Astronomie überall ist Mitte, oder? Es gibt kein Zentrum, kein klares Zentrum.

Und das hat mich schon länger interessiert, Aber in meinen Bildern geht es immer um, was ist wichtig, was ist im Zentrum. Und klassischerweise ist dieses Figurgrundprinzip oder dieses Gestaltgrundprinzip, was ja aus dem Bauhaus kommt und so, so grundlegend, dass man immer denkt, ja die Figur ist das Zentrum und der Hintergrund ist dann sekundär. Mich hat es interessiert, was passiert denn, wenn man das umdreht, wenn auf einmal diese Kategorisierung, wenn diese klare Gliederung wegfällt?

Und was ist denn dann, ja, auf den Titel bezogen, überall ist Mitte, was ist denn, wenn die Ränder auf einmal zur Mitte werden, oder wenn was am Rand ist, in die Mitte gerückt Also es ist gar keine klare Unterscheidung mehr gibt.

Michel
Weißt du noch, wann du diesen Gedanken von Bruno das erste Mal so mitgekriegt hast?

Christian
Das war ja gar nicht so lange her. Also das ist nicht so lange. Aber ich glaube, der Gedanke von dem Aufslösen der Mitte oder so, oder die Gedanken um Mitte und Peripherie, das beschäftigt mich schon ziemlich lange.

Ich habe mich lange Zeit mal damit beschäftigt mit Stränden oder dem Strand in bildener Kunst oder in der Malerei. Der Strand ist ja die Peripherie, der Rand des Landes vor dem Meer, vor dem Unbekannten. Und wo dann aber auch Strände für eine Zone stehen, wo bestimmte Regeln außer Kraft gesetzt sind.

so an Stränden sind Leute, die ja liegen nackt am Strand. Strand ist auch der Ort, wo bestimmte Kuren stattfinden oder wo Heilprozesse stattfinden. Ja.

Strand ist auch verbunden mit Karneval oder so, dass ab und zu, dass, dass also alle diese Orte, wo bestimmte, ja, Veränderungen stattfinden, ja. Strand, der Strand ist ja auch nicht unbedingt ein fester Ort oder so, das ist ja ständig

Michel
Bewegung. Man hat auch Ebbe und Flut, also unterschiedliche Zustände des Strandes.

Christian
Also insofern hat mich die Idee von dem Rand oder der Peripherie schon sehr lange interessiert.

Michel
Deswegen passt dieser Gedanke auch gut zu deiner Malerei.

Christian
Die passt gut zur Malerei, weil ich in diesen Bildern wirklich sehr auch, ja in den ersten Bildern, die wir eben besprochen haben, die zeigen noch Figuren, die Bilder dann aber in den weiteren Räumen, die sind fast losgelöst von Figurationen, wo sich das dann weiterentwickelt hat. Ich glaube, wie gesagt, Mitte verbindet man ja auch mit so einem Ordnungsprinzip oder mit einer Hierarchie, dass Sachen, die wichtig sind, in der Mitte stattfinden. dass in diesen Bildern dann aber außer Kraft gesetzt ist, dass dort keine, in der Mitte nicht unbedingt was Wichtiges stattfindet.

Michel
Also Mitte ist für dich nicht unbedingt ein Ort, sondern eher eine Haltung, oder?

Christian
Genau, genau. Es ist Haltung, Zustand, ja.

Michel
Deine Bilder wirken ja oft ruhig und gleichzeitig sind sie auch voller Bewegung. Wonach suchst du, wenn du malst?

Christian
Ja, ich glaube, es ist gar nicht so einfach zu definieren, was ich da suche. Ich glaube vielmehr, dass die Suche so Teil des Prozesses ist. Also die Bilder sind sehr stark prozesshaftig.

Also ich habe vorher keine klare Idee, wie das Bild am Ende aussehen wird. Und die Bilder verändern sich auch während des Malprozesses. sehr. Also es gibt Videoaufnahmen, wo ich angefangen habe, Bilder zu malen. Da verändert sich das Bild über den Schaffensprozess sehr. Und das Interessante, was ich daran finde, ist, dass man bestimmte Elemente von diesen frühen Stadien immer noch in den Bildern sieht, weil die halt unter den Schichten immer noch da sind. Und ab und zu gibt es Schlitten, Ja, wo sie immer noch sichtbar sind.

Also im Grunde ist die Suche wirklich Teil des Malprozesses. Man sieht ja auch die Malspuren, man sieht die Pinselstriche in den Bildern. Das ist kein Versuch, ein realistisches Bild zu kreieren.

Ich glaube, es ist viel näher, den Schaffensprozess mit reinzubringen, aber auch die Idee von was passiert, wenn etwas unfertig ist und nicht klar erkennbar. Wie gehen wir mit solchen Bildern um? Wir sind ja normalerweise gewohnt, dass man Sachen erkennt und klar einordnen kann.

Was ist, wenn Sachen nicht einordnbar sind, wenn sie unklar bleiben?

Michel
Ja, also das heißt, viele sprechen ja vielleicht von, dass sie was darstellen wollen. Und bei dir geht es wahrscheinlich weniger ums Zeigen, eher wirklich um dieses Entdecken auch. Das heißt, du entdeckst wahrscheinlich in deinem Malprozess dein Bild eigentlich.

Christian
Genau. Also ich bin da, ich glaube, ich bin da auch selbst als Maler zugleich auch der Betrachter. Also das ist gar nicht, ich weiß gar nicht genau, wo das immer hingeht.

Und ich bin selbst überrascht ab und zu zu sehen, wie die Bilder rauskommen. Aber auf diesem Punkt von dem Entdecken, ich glaube, dass es, wir haben, dass unser Verständnis von Sichtbarkeit oft sehr reduziert ist. Ich glaube, dass wir sagen, etwas ist da oder ist nicht da, oder etwas ist präsent oder nicht präsent.

Ich glaube, dass es da viel mehr Mittelwege gibt, dass Sachen noch da sein können, aber schon weg sind oder fast weg sind. Zum Beispiel diesem Bild da vorne, das heißt irgendwie "Vage", "Schatten" oder "Vague Shadows". Da hat mich das interessiert, dass ja, also das fast schon, also wenn man an den Schatten denkt, dass das Objekt oder die Person fast schon nicht mehr da ist, sondern man sieht nur noch den Schatten.

Und wenn das dann noch vage ist oder unbestimmt, dann ist das ja noch mal entfernter. Also diese Idee, dass bestimmte Sachen nicht mehr da sind, ist vielleicht gar nicht so eindeutig, weil in vielen Bildern man immer noch sehen kann, da ist was übermalt, es ist aber trotzdem noch sichtbar.

Michel
Wann weißt du eigentlich, wann ein Bild fertig ist?

Christian
Also das ist eine gute Frage und ich glaube, bei mir ist es auch gerade so, dass mich wirklich auch das Unfertige sehr interessiert. Mich interessiert die Idee, dass Sachen nicht ganz aufgehen, dass es nicht ganz kohärent ist. Und genauso passiert es ab und zu, dass ich Bilder male, die zu eindeutig aussehen, wo ich sie dann weitermale und wieder verfremde, weil es mir einfach zu klar oder zu erkennbar erscheint.

Ich denke, es ist sehr wichtig, dass es sehr uneindeutig ist. vielleicht auch diese Uneindeutigkeit überhaupt kein Problem ist oder kein Fehler ist. Ganz das Gegenteil. Ich denke mir, dass diese Uneindeutigkeit vielleicht die Orte sind, wo vielleicht das Neue, das Unbekannte, das Unerwartete da auf einmal auftaucht. Dass diese E-Gebenden da sind, Also diese Stellen in den Bildern, wo ich denke, das habe ich gar nicht erwartet, dass das so einmal herauskommt, dass das die interessanten Stellen sind.

Michel
Das denke ich mir halt auch. Es gibt bei dir bestimmte Momente, wo das Bild plötzlich ganz anders ist, als du es vielleicht mal geplant oder gedacht hast. Das sind eigentlich dann ja auch die spannenden Momente. Also wenn man dem Bild so zugesteht, du bist hier ganz wichtiger Darsteller in dem Prozess und wenn man dann so als Künstler mal zurückdreht und sagt, oh jetzt hat sich was entwickelt an einem Punkt und dann höre ich vielleicht auch auf oder lasst das stehen, weil das ist ein Moment, da habe ich nicht mit gerechnet. Ja, das ist natürlich spannend.

Also ich denke, Landschaft spielt in deiner Arbeit auch eine große Rolle. Was fasziniert

Christian
eigentlich immer da dran. Also diese Bilder sind nicht in der Landschaft gemalt, oder sie beziehen sich nicht direkt auf Landschaften. Also ich lebe ja im Nordosten Englands, was auch eine sehr markante Landschaft hat, eine sehr schöne Landschaft mit einem Küstengegend und so direkt am Meer. Aber diese Bilder sind alle im Atelier gemalt und beziehen sich nicht nicht sehr auf die Landschaft oder auf eine spezielle Landschaft.

Aber was ich immer noch, was ich sehr oft mache, ist, ich zeichne oft in der Landschaft oder ich male auch plein air draußen und in der Landschaft. Und die Bilder sehen zum Teil sehr anders aus, aber in diesen Bildern geht es auch um Auflösung, dass Sachen immer reduzierter werden, dass sie immer mehr verschwinden und wie man mit sehr wenigen Pinselstrichen oder Bleischiftstrichen etwas darstellen kann.

Michel
Also es sind weniger reale Orte, sondern sie entstehen zwar dann auch im Atelier, aber es sind vielleicht auch Erinnerungen. Also das heißt, du nimmst die Landschaft in dir mit und verarbeitest dann sicherlich solche Aspekte, die du da auch vielleicht gesehen hast, vielleicht auch Licht, Schatten, davon lässt man sich ja inspirieren.

Christian
Total, ich glaube, das ist auf jeden Fall der Fall, dass man auf einmal dann in diesen Bildern Sachen wiederentdeckt, die man vorher gesehen hat. Aber es ist nicht unbedingt der Fall, dass man das versucht zu kreieren, sondern eher, dass die Bilder auf einmal bestimmte Sachen, dass da bestimmte Sachen auftauchen, an die man sich dann erinnert. Oder bestimmte Farbkombinationen, bestimmte Reaktionen auslösen. Also im Prinzip ist ja, da du ja da in England lebst, ist das quasi

Michel
wie so ein gewisser Fundus. Die Natur umgibt dich ja, sie hat ja so eine gewisse Stimmung oder irgendwas trägst du ja mit dir dann auch ins Atelier und ich glaube, das ist dann auch das, was vielleicht mal auftaucht, wo du dann eher sagst, ach guck mal, hab ich zwar nicht dran gedacht aber das ist ja jetzt vielleicht wie da und da die felsen formation oder wie gesagt gerade der schatten oder gerade am meer hast du ja auch wind sonne regen england zum beispiel das sind denke ich mir alles spannende

Christian
sachen natürlich sind nicht alle bilder in england entstanden so ein bilder sind in der schweiz entstanden also ich hatte ein stipendium im basen habe dann ein halbes jahr gearbeitet ja einige kommen von dort andere bilder sind in England entstanden. Das ist vielleicht auch das Interessante an dieser Ausstellung, dass es sehr verschiedene Werkgruppen zusammenbringt und in Verbindung setzt. Ja, natürlich.

Michel
Also jetzt, wenn wir jetzt Besucher hier in der Ausstellung haben, da werden vielleicht einiges auch Landschaftsaspekte wiedererkennen und für andere sind es einfach nur abstrakte Farbflächen ohne figurative Bezug oder sonst was. Also magst du diese Offenheit und dass es einfach in beide Richtungen oder noch in viel mehr Richtungen geht?

Christian
Ich mag das sehr und ich bin da, ich treffe diese Unterschreibung gar nicht selbst. Also dass ich sage, das sind abstrakte Bilder oder das sind figurative Bilder, das stellt etwas dar. Und ich halte das irgendwie so ein bisschen wie der deutsche Maler Albert Oehlen zum Beispiel, der hat irgendwann mal gesagt, der ist nicht interessiert an Abstraktion oder Figuration, der ist nur an guten Bildern interessiert. Ich glaube, das ist auch, was mich an den Bildern interessiert, ist, dass man bestimmte Erinnerungen, dass man bestimmte Reaktionen hat, die natürlich was mit Dingen zu tun hat, die man vorher gesehen hat. Also das ist gar nicht so,

Michel
dass das ausschließen will. Möchtest du mit den Bildernbetrachtern eher was erzählen oder assoziierst eher Fragen? Oder beides?

Christian
Also als Maler würde ich natürlich sagen, mich interessieren die Fragen viel mehr. Also ich bin immer sehr skeptisch über irgendwelche Erzählungen und ob das stimmt oder nicht. stimmt. Das Gleiche trifft auch zu auf Bilder. Ich traue Bildern gar nicht so richtig. Bilder können viel bewirken, können genutzt werden. Sie können auch als Propagandamittel benutzt werden. In sozialen Medien oder so. Ich stehe den Bildern sehr skeptisch gegenüber, aber Ich bin vielleicht auch jemand, der sehr fragend den Bildern gegenübersteht.

Da ist auf jeden Fall keine kohärente oder einheitliche Erzählung dahinter. Diese Bilder stellen sehr viele Fragen. Und vielleicht ist das gerade hier gegenüber uns ein Bild, das heißt "Harlequin".

Und das ist diese, was ich vorhin gesagt habe, man sieht diese Figur vom Rücken und diese Figur schaut in eine Landschaft oder in einen Raum. Und was mich daran interessiert, dass die Figur und der Grund fast verschwimmen, dass es nicht sehr, die überschneiden sich, die sind miteinander verwoben. Was mich an dem Bild interessiert hat und Inspiration vielleicht dafür waren auch diese, zum Beispiel ein Buch, was ich vor kurzem wieder gelesen habe, war Joseph Conrad "Das Herz der Finsternis". In diesem Buch geht es darum, dass das Vordringen in unbekannte Gegenden in Afrika beschrieben sind.

Das ist ein Buch für den 19. Jahrhundert. Das Interessante daran für mich war, dass die Menschen, die Weißen, die Western, die westlichen Entdecker, die davor dringen, total bloßgestellt sind und mit der Umgebung nicht umgehen können.

Sie verstehen das nicht, sie können die Geräusche nicht einordnen, sie können nicht einordnen, was sie sehen. Und ich glaube, diese Uneindeutigkeit, dass man nicht weiß, ist das was Gutes oder Schlechtes, was man da sieht, das hat mich interessiert. Und vielleicht die Harlekin-Figur, die wird auch in diesem Buch, in diesem Roman genannt.

Also eine Person heißt dort Harlekin. Was mich daran interessiert hat, dass "Harlequin" ja vielleicht auch so weitläufig auch so als fröhlich oder traurig oder beides gleichzeitig dargestellt werden kann. Das hat mich, also diese, ja ich wiederhole mich, aber das ist so diese Uneindeutigkeit, die mich wirklich packt.

Michel
Also es ist auch eins meiner Lieblingsbücher von Conrad, muss ich wirklich sagen. Aber auch irgendwie natürlich in Verbindung mit dem Film "Apocalypse Now", weil da ist es ja auch aufgegriffen worden. Und eigentlich geht der Film ja gar nicht über Vietnam, sondern es geht um was ganz anderes.

Und das fand ich auch spannend. Auch diese Reise am Ende. Ist der jetzt eigentlich gut oder böse?

Oder kommt der Gute zum Bösen oder ist der vielleicht auch schon böse? Also es ist so eine Sache, wo du nicht eindeutig da Stellung beziehst. Das fand ich an dem Buch auch immer ganz klasse und auch diese Adaption fand ich gut.

Christian
Und ich glaube gerade in einer Zeit, wo wir denken, wir haben alles unter Kontrolle oder wir sind sehr, wir können Sachen genau einordnen. Ich glaube zu so einer Zeit sind so Themen wie diese Bücher wieder sehr relevant.

Michel
Ja, absolut. Ich meine, wir haben ja jetzt auch das KI-Zeitalter. Das heißt, du bist mit deiner analogen Malerei ja ein bisschen gefeiter vor, auch was Authentizität, Echtheit oder so anbelangt.

So schnell wird jetzt keine KI deine Bilder nachmalen. Also hoffe ich mal. Und gerade wenn du jetzt aber in anderen Metier unterwegs bist, der Fotografie oder so, da weißt du ja mittlerweile nicht mehr, was ist überhaupt echt, hat das stattgefunden.

Früher hatten Bilder ja auch noch eine andere Bedeutung. Also so ein Goja musst du irgendwo hinfahren, ein Gemälde malen, um dann zu sagen, in Mexiko gibt es einen Aufstand. Da ist viel Zeit verflossen.

Dann wird das alles viel schneller. Heute ist es so schnell, wir erleben Bilder ja in Echtzeit. Aber trotzdem müssen wir uns jetzt schon permanent fragen.

Ja, da gibt es ja dieses berühmte Foto von dem Zeppelin, wie er abstürzt, wie er in Flammen steht. Das hat einer mal ganz schnell geknipst, im richtigen Moment sozusagen. Und wir gehen davon aus, das war so.

Das hat für uns so einen Bestand. Aber das kann wir heute praktisch gar nicht mehr sagen. Und dann würde ich sagen, jetzt wird eigentlich die Malerei aus meinem Sinn, wir jetzt einen Schub eigentlich kriegen.

Jetzt sind wir wieder was, wo wir wirklich etwas mit dem realen Menschen, mit dir, dem Künstler, wirklich verbinden. verbinden. Du bist da, Fleisch und Blut, und du hast was gemacht, und es ist noch da.

Es lebt auch noch, es trocknet noch, es riecht. Also das ist, denke ich mir, eigentlich eine Chance, oder?

Christian
Ja, denke ich auch. Und ich glaube, diese Bilder... Ich glaube, was mich an der Malerei heute so...

Was ich denke, was die Malerei heute so relevant macht, ist, dass sie dass bestimmte Prozesse sich einfach nicht beschleunigen lassen, sie lassen sich nicht manipulieren. Also die Farbe trocknet in der Weise, in der sie trocknet, in der sie auch vor 100 Jahren getrocknet ist. Da kann man machen, was man will.

Das sind so Prozesse, die einfach feststehen. Und viele dieser Bilder oder viele Bilder und der Malprozess richten sich wirklich nach den Farben, der Materialität der Farbe, wie weit sie fließt, wie fest sie ist und dass das irgendwie so die richtige Mischung sein muss von Malermitteln oder Pigment, die man da zusammen mischt, damit das so zustande bleibt, weil wenn es so flüssig ist, fließt alles runter. Wenn es zu trocken ist, dann kann man es nicht verstreichen.

Und wie du gesagt hast, ich glaube, dass die Bilder insofern eine Authentizität haben, weil sich das nicht leicht manipulieren lässt. Aber ich glaube darüber hinaus, dass die Bilder auch etwas über Zeit, über unser Verständnis von Zeit, über unser Verständnis von Sichtbarkeit erzählen, weil man kann ja die Bilder auch angucken und sagen, das sind die Mahlspuren, da sieht man genau, was ich gemacht habe. Ich bin gar nicht so überzeugt davon, dass das wirklich auch so ein Beweis ist, weil diese Mahlspuren können ja auch bewusst so benutzt werden. Also das ist an sich nicht genug. Aber ich glaube, man sieht schon an den verschiedenen Schichten auch so bestimmte Zeitabläufe oder man kann gucken, was liegt da drunter, was wurde da vorher gemacht, was wurde nachgemacht, was einem so Anhaltspunkte gibt über das Bild, den Schaffensprozess.

Michel
Ich glaube, wir haben zu aller Digitalisierung und KI und so weiter haben wir ja auch trotzdem noch Strömungen, die wieder in eine andere Richtung gehen. So analoge Fotografie wird auch von der Jugend wieder entdeckt oder auch das Vinyl, auch gerade Die sammeln Platten, haben aber noch keinen Plattenspieler. Das heißt, die wollen auch wieder was haben.

Dieses Streaming, ja eigentlich so die Generation, die haben keine Platten, keine CDs. Die haben nur ihren Account und streamen. Aber jetzt wollen die auch irgendwas wieder haben oder begreifen, wieder anfassen.

Ich habe eine Platte und das ist von Menschen gemacht und das ist analoge und sowas. Wir sind ja auch von der Anatomie total analog. Bei uns ist nichts im rechten Winkel oder so, oder kein Knochen ist genau zehn Zentimeter lang.

Das ist alles krumme Zahlen und so. Mhm. - Also...

Und da denke ich, ist eben das eben wichtig grade jetzt. Ich denke aber auch, dass die Bilder so ein bisschen,

Christian
ähm, wie wir vorher gesagt haben, die suggerieren ja bestimmte Landschaften oder bestimmte Objekte oder Stimmungen. Mhm. - Es ist aber...

Ich glaube, man hat ein bisschen das Gefühl, dass man nicht ganz rankommt oder man steht sehr weit weg. Das ist die Idee von Distanz und ist mir sehr wichtig in den Bildern, dass sie Sachen nicht direkt abbilden, sondern indirekt über, ja, und diese Distanz kreieren. Und ich glaube, dass diese Idee von Distanz heutzutage, wo alles immersives, wo alles unmittelbar ist und man kann die Bilder sofort abrufen.

Das finde ich einen interessanten Aspekt.

Michel
Ja. Ich glaube, Zeit, das ist auch noch so ein Faktor. (Lockere Musik) Jetzt haben wir schon ein bisschen über Farbe geredet. Gibt's bei dir eigentlich am Anfang, wenn du mit so einem Bild startest, eine Farbe, die du gleich weißt, oder Farben, wo du sagst, damit starte ich? Ich glaube, ich wüsste nicht, ob es direkt Farben gibt.

Christian
Aber was ich glaube, was sehr wichtig ist, dass man Farbe nicht als abstraktes Element versteht, sondern Farbe als Material. Das Wort Farbe deutet ja auf zwei Sachen hin. Die Farbe als den Farbtopf hier, die Farbe als Rot, Blau, Grün. Und mich interessiert, dass das irgendwie zusammenfällt, dass wir natürlich den Farbton sehen, wir sehen aber auch das Material der Farbe, wie sie tropft, wie dick sie ist, was die Farbe wiegt, dass sie sich in bestimmter Weise verhält.

Und ich glaube, das ist wieder was, dass diese Bilder nicht im Vakuum kreiert, sondern das ist unter reellen Bedingungen, wo Farbe auch tropft, kleckst, einen bestimmten Körper hat und auch einen eigenen Willen oder so. Die Farbe lässt sich zu einer bestimmten Weise kontrollieren und manipulieren, aber auch nur zu einer bestimmten Weise. Und das finde ich ganz schön eigentlich, dass die Farbe im Körper auch nichts Abstraktes ist.

Michel
Aber wählst du manchmal auch Farben so nach ihrer Symbolik, also wir sagen ja jetzt gelb-orange, das sind eher die lebendigen Farben, blaue, grüne, sind eher gedeckte oder introvertierte auch, sodass du auch das gezielt verwendest?

Christian
Natürlich können wir das ja wie so reinlesen auch. Aber bewusst mache ich das nicht. Was ich schon mache, wenn man einige Bilder anguckt, dass es immer Löcher oder es gibt immer Hohlräume und dass bestimmte Stellen mit Blau irgendwie eine Tiefe vortäuschen und dann andere Stellen mit Rot oder Braun sehr nah kommen.

Und dieser Kontrast ist, glaube ich, schon wichtig. diese verschiedenen Ebenen im Bild. Und diese Poröse, was in den Bildern rauskommt, ist von der Farbigkeit auch irgendwie unterstrichen.

Michel
Gibt es eigentlich Farben bei dir, zu denen du immer wieder zurückkehrst?

Christian
Weiß ich nicht. Ich glaube, was ich sagen würde, dass es sehr elementare Farben oft sind. Wenn man die Bilder sieht, dann wird man sich auch klar, dass ich sehr mit Grundfarben arbeite, dass oftmalig direkt auch aus der Ture.

Ich mische keine Nuancen, wie ihr liebt. Und ich glaube, der Sinn dahinter ist so ein bisschen, oder der Grund dahinter ist so ein bisschen, dass mich immer das Vereinfachte auch interessiert hat. dass man, also ich konnte nie mit 30 Farbtönen anfangen zu malen.

Also ich wollte es immer vereinfachen. Ja, oder ich finde es eigentlich eine Erleichterung und sehr produktiv, wenn man sagt, man hat fünf Farbtöpfe. Ja, und das ist alles, mit denen man arbeiten kann.

Und damit muss man sich dann zurechtfinden. Also die Limitation oder die Restriktion, das ist eigentlich oft sehr produktiv. Ich habe in der Vergangenheit oft auf eine Sperrholztafel gemalt, die ich auf einem Sperrmüll gefunden habe.

Weil ich fand, das war so eine Erleichterung. Man ist natürlich auch als Maler konfrontiert mit einer Geschichte der Malerei, die einfach oft auch überwältigend ist, wo man denkt, wo willst du denn da noch was machen? Was soll denn hier?

Ist das alles so bedeutsam? Und jeder Strich hat gleich eine Bedeutung. Ich glaube, da war die Idee, dass man sagt, man arbeitet einfach mit sehr wenigen Materialien, mit nicht notwendigerweise wertvollen Materialien, war echt eine Erleichterung.

Und ich habe dann zu der Zeit auch angefangen, also ganz am Anfang, sehr einfache, belanglose Objekte zu malen, um einfach mal den Kopf frei zu bekommen und den ganzen Erwartungsdruck loszuwerden. Also ich habe Überraschungseier gemalt, ich habe Pappbecher gemalt, bis zum "Geht nicht mehr" und mich hat einfach interessiert, dass man etwas malt, wo der Gegenstand an sich keinen besonderen Wert hat. Der hatte dann immer einen Wert für mich, die Sachen haben dann aber irgendwann gar nicht mehr existiert, weil man sie weggeworfen oder aufgegessen hat.

Aber, was mich, ja, ich glaube, das war, der Wert lag dann irgendwo anders, also nicht in dem wertvollen Gegenstand. Und das war, ich glaube, eine wichtige Erfahrung.

Michel
Das ist wirklich ein guter Aspekt, wo du sagst, es wurde quasi schon alles gemalt. Oder vieles ist auch mit ganz vielen schwerwiegenden Bedeutungen. Und man kann in allem was sehen.

Aber du hast ja auch gesagt, du lässt dir einen Zufall zu. Du willst das Unfertige haben. Du bist auch offen für die Betrachter, der vielleicht was ganz anderes da drin sieht.

Christian
Das ist echt ein wichtiger Faktor. diesen Freiraum zu haben, Sachen nicht offensichtlich zu zeigen, das nicht einzuengen. Und das Gleiche gilt natürlich auch für mich als Maler und Betrachter, dass ich denke, ich möchte die Bilder gerne sehr offen haben. Ich finde jedes andere fertige Bild oft sehr einengend oder reduzierend.

Michel
Denkst du eigentlich, dass Farben oder Formen auch so etwas wie Erinnerung speichern können? Ich glaube, das wollte ich vorhin sagen.

Christian
Ich glaube, dass dadurch, dass Farben ja auch eine Materialität haben, dass da automatisch etwas gespeichert ist. ja, dass da automatisch eine Geschichte, was Historisches gespeichert ist. Sei es nur, dass man sieht, wie die Farbe verlaufen ist oder so, dass es so ganz so eine Spur hinterlässt. Oder sei es, dass es die Spur des Malvorgangs ist. Also ich glaube, Farben haben das, diese Geschichte natürlich.

Michel
Jetzt mal ganz praktisch, wie entsteht bei dir im Atelier ein Bild?

Christian
Oft mache ich kleine Skizzen, Filzstift-Skizzen, die sehr grob sind, wo ich mich einfach über Ideen von Komposition, Farbkombinationen, Sachen austeste, versuche und das ist dann oft so der erste Entwurf für die größeren Bilder. Aber wie gesagt, der Malprozess ist so wichtig, dass die Bilder sich während des Malens immer wieder verändern. dass die Bilder werden auch oft umgedreht, dass man sie dann auf dem Kopf wieder weitermalt.

Es gibt dann irgendwann keine richtige Orientierung mehr. Ich male die nicht auf dem Boden, sondern ich male die wirklich in der Wand oder so. Und ich glaube, das ist mir auch wichtig, weil ich nicht unbedingt die Farbe so flüssig drauf auftragen möchte, das alles zerfließt oder das möchtest du wirklich an der Wand oder an der Staffelei haben, wo dann dieses Spiel von "ja das bleibt hängen, das rutscht ab" oder "das zerfließt und das bleibt".

Ich glaube, das kann man auf diesen Bildern auch sehen. Also es gibt immer, also viele Bilder haben auch diese Pinselspuren, haben diese Kleckse und der Kleckse ist oft, Das ist, glaube ich, ein guter Indikator, wie groß das Bild eigentlich ist. Wenn man das auf dem Foto sieht, man sieht Klecksel, dann hat man sofort die Idee, das ist 30 cm oder das ist 3 m groß.

Also Klecksel sind aus irgendwelchen Gründen, oder Spritzer, Farbspritzer, finde ich sehr interessant. Weil ich glaube, sie sind auch Elemente, die eigentlich nicht kontrolliert sind. sie sind einfach, sie entstehen durch den Malprozess, ob man das will oder nicht. Sie entstehen, es ist vielleicht eine Unachtsamkeit, dann auf einmal die Farbe runterkleckst, aber ich finde

Michel
das sehr interessant. Also Spritzer können ja auch Auskunft darüber geben, wie dicht standst du jetzt an der Leinwand? Ist das irgendwas, wo du mal von Entfernung den Pinsel ausgeschwungen hast, oder warst du dich dran und sowas ja das übermalst du dann eigentlich auch viel ja

Christian
das kann man das sieht man das weiß kann der betrachter auch wirklich klar sehen dass viele stellen auch übermalt werden ja und was mich daran interessiert ist wirklich auch dass es das ist nicht nur die hinzufügen von farben ist und auch wieder wegnehmen also dass man Sachen wegkratzt, übermalt, wieder auslöscht. Also dass der Malprozess nicht nur in eine Richtung geht, sondern es geht in zwei Richtungen. Es wird was additiv dazu gefügt und es wird wieder weggenommen. Der Grund dahinter ist glaube ich wirklich das Interesse, dass man sagt, ja das geht nicht in eine Richtung, der Schaffensprozess. Ich finde etwas zu gestalten ist genauso wichtig wie wieder was zu zerstören. Ich meine, viele Maler, viele Künstler, Gustav Metzger kommt mir in den Kopf, der ja auch viel mit Zerstörung gearbeitet hat in seinen Werken, wo Sachen verbrannt wurden oder so.

Ich glaube, das ist wichtig, diese beiden Komponenten mit einzubeziehen. Und es deutet natürlich auch darauf hin, dass Sachen da sind, obwohl sie nicht mehr sichtbar sind. Dass sie weggekratzt wurden, man sieht nur noch die Spuren, oder sie sind übermalt.

Man kann immer noch sehen, dass da was drunter ist.

Michel
Gibt es eigentlich Bilder, die bei dir auch mal monatelang ruhen und stehen? Oder entsteht alles an einem Tag oder recht flott?

Christian
Die Malprozesse, die sind ab und zu sehr flott. Die sind sehr schnell. Dann passiert es aber immer mehr, dass Bilder sehr lange stehen im Atelier.

Und ich dann wieder drauf zurückkomme und dann weitermale. Über Monate hinweg, dass man immer wieder weitermalt, was neues drin sieht und ich glaube das ist was was was ich am Anfang nicht gemacht hatte. Ich bin am Anfang habe ich oft Bilder in einem ja in einem Tag gemalt, dass man sagt ja man wollte diesen Prozess nicht unterbrechen.

Mit der Zeit hat man immer mehr gemerkt wie wichtig es ist auf einmal das zu stoppen, wegzugehen, wieder zu kommen, was ganz anderes drin zu sehen und weiter zu

Michel
Also Zeit ist dann eigentlich auch ein Faktor für die Gestaltung, für den Prozess. Jetzt bist du ja noch Professor für Malerei. Kannst du eigentlich von deinen Studenten noch was lernen?

Christian
Ja, ich glaube, man lernt unheimlich viel. Ich glaube, ich unterrichte in Newcastle University Ich studiere im Fachbereich Kunst, Malerei. Und ich glaube, wenn immer man über Malerei spricht, über seine eigenen Projekte, dann denkt man auch an die Projekte mit den Studenten.

Diese beiden Seiten verbinden sich oft sehr. Dass man über eigene Interessen spricht, über eigene Erfahrungen, die man gemacht hat und man aber auch sehr oft von Studenten inspiriert ist, was die machen. Das ist eigentlich sehr schön und ich habe das Glück, dass ich ein Atelier in der Uni auch habe und es kommt öfters auch vor, dass man mit Studierenden über die eigenen Arbeiten spricht.

Es kam sogar zu dem Punkt, wo man gesagt hat, man hat keine Lust, immer nur theoretisch über Malerei zu sprechen, sondern wollte auch sagen, ja, dann lass uns zusammen arbeiten. Also ich habe zum Beispiel Projekte gemacht, wo ich mit Studierenden drei Wochen lang in einer Galerie gemalt habe. Wir haben so alle an unseren eigenen Sachen gemalt, haben dann aber auch zusammen in Bildern gemalt.

Spannend. Und das war wirklich spannend, weil das auch sehr viel über Autorenschaft, über Kontrolle sagt.

Michel
Die alte Frage, kann man Malerei überhaupt lehren?

Christian
Ich glaube, man kann den Traum zu malen oder das Interesse zu malen, das kann man bestimmt nicht vermitteln. Aber ich glaube, man kann sehr wohl, und das ist so etwas, was wir machen auch, die Weise, wie man über Malerei spricht, bestimmte Aspekte von Malerei, ich glaube, darüber kann man reden. Und darüber, wie man das artikulieren kann, dass es in Malerei nicht immer darum geht, etwas "realistisch" abzubilden, sondern dass es, wie wir bisher schon gesagt haben, um ganz verschiedene Prozesse geht in der Malerei.

Es geht gar nicht um das fertige Bild. Es geht vielleicht vielmehr um unser Verhältnis zur Welt, was da in dieser Malerei vorkommt. Und das Verhältnis vielleicht zum Unbekannten.

Michel
Hat sich deine Sicht auf das Malen auch durch das Unterrichten verändert?

Christian
Ja, ich glaube schon. Was mich in der Arbeit mit Studierenden fasziniert, ist oft die Unbefangenheit, in der Studierende rangehen und Sachen machen. Ich glaube, das hat mich inspiriert.

Ich glaube aber auch, dass man, wenn man in der Situation ist, wo man unterrichtet, dass man auch sehr schnell auf das Wesentliche kommt. Dass man sagt, es macht keinen Sinn, hier drum herum zu reden, sondern man sagt, warum geht es denn hier eigentlich oder was interessiert dich wirklich und was unterscheidet mein Interesse von anderen Interessen. Man kann sehr viele Sachen toll finden oder interessant finden. Aber ich glaube, man merkt ja schnell, was einen wirklich bewegt und was einem wirklich zum Malen bringt.

Michel
Du beschäftigst dich jetzt auch wissenschaftlich mit so Themen wie Heterotopien und Exotismus. Fließt das eigentlich diese Gedanken so bewusst in deine Bilder ein oder eher unterbewusst?

Christian
Ja, das sind... Ich publiziere auch akademische Artikel in akademischen Magazinen über Malerei, über zeitgenössische Malerei. Was mich bei den Themen wie das Exotische oder Heterotopien interessiert, ist, dass es in gewisser Weise die Darstellung wirklich in Frage stellt. Dass zum Beispiel bei der Idee von Erhabenen, wie man es vielleicht bei Caspar David Friedrich oder sieht, so dieser Mönch am Meer, dass der Großteil des Bildes, dass da nichts zu sehen ist. Und dass die Darstellung, man könnte vielleicht sagen, fast scheitert. Dass das Erhabene an sich nicht darstellbar ist. Und so Instanzen oder so Momente, wo bestimmte Sachen nicht aufgehen oder nicht dargestellt werden können, die haben mich sehr interessiert und die spielen noch in meiner Malerei vielleicht ein, dass die Idee von dem exotischen, was auch wieder so die Idee, das Fremde darzustellen, was sich klar von unserer Welt unterscheidet, ja, dass es oft vielleicht nicht klar definierbar ist, dass es fremd und anders ist, weil es klar nicht in Kategorien eingepackt werden kann. Insofern interessieren mich diese Ideen oder die Theorien, aber es ist nicht so, dass die jetzt meine Malerei vorgeben oder dass das irgendwie in eine bestimmte Richtung drängt, sondern ich glaube, das ist eher so beidseitig, dass mich der Schaffensprozess in eine bestimmte Richtung bringt, dann natürlich auch bestimmte Sachen, die man liest, auch wieder beeinflussen.

Es geht so Seite an Seite so ein bisschen.

Michel
Ja, ja. Also das heißt, der Besucher muss diese Hintergründe eigentlich gar nicht kennen und wissen um deine Bilder.

Christian
Ne, ich glaube, es geht wirklich um, also ich glaube, es geht sehr verschiedene Sichtweisen auf diese Bilder. Man kann die auf sehr verschiedene Weise lesen. Und ich finde, das ist das Schöne daran, dass es da nicht eine Leseart gibt oder eine Interpretation.

Ich glaube, das wäre sehr schade, wenn das so wäre. Und man muss das nicht wissen. Und es ist auch nicht, dass sich die...

Das sind natürlich auch keine Illustrationen, die da bestimmte Sachen abbilden. Ich glaube, die Bilder orientieren sich immer an ganz verschiedenen Elementen.

Michel
Jetzt sind wir ja hier im Museum Schlosspark in Bad Kreuznach, in der Ausstellung. Verändern Räume auch deine Bilder?

Christian
Ja, und ich muss sagen, in Bezug auf diese Ausstellung, dass die Bilder sehr anders aussehen, als sie in anderen Räumen gewirkt haben. Ich habe einige der Bilder vor ein paar Monaten in Basel in einer Ausstellung gezeigt und das war eine sehr große Halle Und in dieser Halle haben die Bilder fast klein gewirkt. Und ich glaube, der Puglieli-Saal hier, der bietet dem noch einen ganz anderen Rahmen.

Dass die Bilder anders wirken, einen anderen Rahmen haben. Auch, ich glaube, was mich interessiert an diesem Raum, ist auch wirklich diese Durchblicke. Also diese Blicke zum Teil in den Park, also nach draußen, aber auch natürlich Blicke in den Saal selbst, dass es die Öffnungen gibt, dass man von einem Raum in den anderen gucken kann und mehrere Bilder gleichzeitig sieht.

Ich glaube, das ist sehr spannend. Das ist schön, dass das Bilder in Kontakt setzt und man auf einmal die Figur mit der Person, mit der absagten Landschaft gleichzeitig sie.

Michel
Ja, das ist mir auch aufgefallen. Du hast hier viele Durchblicke und du siehst, also obwohl die jetzt in drei Räumen hängen, diese Bilder, hier an der Säule, dann hier in der Mitte und dann hinten noch. Du hast die aber trotzdem im Blick.

Und das verändert sich natürlich, wenn du dann in den Raum gehst, siehst du die anderen beiden Bilder nicht. Also es entstehen da wirklich interessante Kombinationen. Ja.

Gibt es in der Ausstellung irgendein Bild, was dir ganz besonders nahe ist und was dir, an dem du auch hängst, was du eigentlich gar nicht verkaufen willst? Ich weiß nicht, ob ich es verkaufen will. Das weiß ich nicht unbedingt.

Christian
Aber ein Bild, woran ich gedacht habe, was mir nahe ist, ist das letzte Bild, was ich gemalt habe. Und das ist das Bild hier gerade aus Zürich. Das ist so das Bild, das ich als letztes im Atelier gemalt habe, bevor ich hier zur Ausstellung kam.

Das Bild wirklich... Das ist vielleicht noch zu nah an dir dran. Ja, aber ich finde es ganz schön. Man kann das gar nicht so ganz...

Man sieht es in der Ausstellung nicht so ganz, aber ich meine, was die Ausstellung hier hat, dass sie bestimmte Sachen in Verbindung setzt, also diese Figuren mit den mehr abstrakten Bildern. Aber es gibt auch einige Bilder, die sehr kleinteilig sind, die sehr fast schon versplittert sind, wo gar nicht mehr ganz klar ist, was das für Formen sind. Und ich finde, dass das letzte Bild auf einmal versucht, wieder Formen zusammenzuziehen, dass es wieder ein bisschen versucht Klarheit reinzubringen, nachdem alles zerstört wurde oder dekonstruiert wurde, dass es auf einmal wieder Sachen zusammenfügt, zusammenzieht.

Und das ist, glaube ich, auch ein Gedanke, der mich momentan so treibt, dass es natürlich immer diese beiden Richtungen, diese zwei Tendenzen in der Malerei gibt, dass man zerstückelt das, man dekonstruiert es und dann wird es wieder zusammengefügt. Ich glaube, das interessiert mich momentan, dieses Zusammenziehen.

Michel
Ja, ne, ganz interessanter Aspekt eigentlich auch. Bist du eigentlich immer auch wieder überrascht über die Reaktion von den Besuchern?

Christian
Also ich glaube, ich bin überrascht, wie positiv oder wie über die verschiedenen Ansätze Personen zu den Bildern entwickeln oder auf die Bilder reagieren. Ich glaube, dass diese Bilder, weil der Malprozess so offensichtlich ist, die Bilder einen gewissen Zugang geben. Dass der Betrachter auf die Bilder reagieren kann und Zugang hat, obwohl sie zum Teil sehr abstrakt sind.

Aber man sieht, wie sie gemacht wurden. Man sieht die Spuren des Malers. und ich glaube, das hilft einem einen gewissen Zugang zu finden.

Natürlich werden die Bilder dann auch, vielleicht an bestimmten Sachen, an bestimmten Punkten werden die sehr unklar. Und ich glaube, also ich versuche zu denken, dass das auch was ist, was Leute sehr schätzen, ja, das sind bestimmte Unklarheiten. Wie du vorhin gesagt hast, dass es eine gewisse Offenheit gibt, dass nicht alles klar definiert ist.

Ich glaube, das ist was Angenehmes auch.

Michel
Jetzt am Schluss nochmal so ein bisschen zum Titel oder abgeleitet vom Titel. Wo begegnet uns Mitte eigentlich im Alltag?

Christian
Und ich glaube, das ist was, ich glaube für mich würde es einfach bedeuten, überall ist Mittel, dass es eine bestimmte Sensibilisierung ist, also dass man sagt, man überschreitet bestimmte Kategorien und man guckt sich Sachen an, ohne genau zu wissen, was das bedeutet, ob das nebensächlich ist irrelevant, dass man einfach spontan oder direkt auf bestimmte Sachen reagiert. Ich glaube, das bedeutet das für mich und ich glaube, das sehe ich auch, wie man diesen Aspekt vielleicht im Alltag wiederfindet.

Michel
Ja, Christian, vielen Dank für das tolle Gespräch. Es war wie immer sehr spannend und aufschlussreich und wünsche dir noch viel Erfolg mit der Ausstellung. Ja, vielen Dank. Das hat Spaß gemacht.

Amalie
Anlässlich der Finissage der Ausstellung "Überall ist Mitte" von Christian Mieves sammelte CULTURA einige O-Ton-Stimmen unter den Gästen ein. [Musik]

O-Ton
Ja, ich glaube, die Idee, die er hat, das, ich sag mal jetzt so, das Hervortreten des Hintergrundes, das ist eine schöne, das ist für mich auch eine neue Idee quasi. Und dass die, ja genau, das im Gegensatz an eben die scheinbar vordergründigen Syllees, wie man das halt eben immer so schön sagt, dass die dann einfach so in den Hintergrund treten. überhaupt diese Idee des Verschwindens oder Erscheinens, also dieses mobilen Charakters, kann man schon sagen.

O-Ton 2
Ja, was ich mitnehme, dass er einfach so anfängt und dann das wieder übermalt und ich denke, dass jetzt als Künstler bin ich ja nie zufrieden und versuche immer Wieder, wieder und wieder. Aber irgendwann muss mal Schluss sein.

O-Ton 3
Das ist eine ungeheure Vielzahl von Farben, Flächen und Kombinationen, der selten gibt. Wovon ich mich frage, ob der Künstler damit sozusagen die Vielfalt des Lebens Anspruch an uns damit in irgendeine Auseinandersetzung zu treten, zeigen. Und ich finde es unglaublich imponierend auch, mit welcher Kraft in diesen Bildern steckt, eine unglaubliche Kraft. Also mein allererstes Wort, mit dem ich das besetzt habe, war das Wort Dynamik.

Da ist von allem alles drin. Ich muss mal sagen, der Mann kann schon was, so wenig ich das beurteilen kann. Ich bin ja keine Malerin.

Das gefällt mir wirklich sehr und passt natürlich in diese Räume. Wenn man so ein kleines Räumchen hat, gut, er hat auch kleine Bilder gemalt. Das ist ein kleines Bild zum Beispiel, wo in der Mitte ein gelber Kern ist und der ist eingefasst von zwei schwarzen Strichen.

Und wenn ich so davorstehe, kommt mir das Wort Ausflugsversuch in den Kopf. Als würde der Mittelteil versuchen, aus der Umklammerung auszubrechen. Kann aber auch ganz anders gemeint sein.

Das ist ja die Interpretationsmöglichkeit. Kann auch so gemeint sein, dass hier ein Schutzraum dargestellt wird. Das ist, wie man sagt, da ist ein empfindliches Teil und das wird von links und rechts eingerahmt und geschützt.

O-Ton 4
Also als erstes habe ich gesagt, eigentlich müssen die Bilder hier hängen bleiben. Die sehen so aus, als wenn sie für diesen Raum gemacht sind. Ja, genau. Also das ist das Erste, was ich so...

Und dann das Nächste ist, ich finde eben diese Farbigkeit, die hat für mich so eine... eben so ein... man kommt hier rein und fühlt sich gut.

Das ist, finde ich, ja auch eben ein Aspekt. Man kann es gar nicht so genau sagen, weil manche haben ja auch relativ düstere Farben oder so, aber mir geht es so, ich komme hier rein und habe ein Lächeln. Und man muss auch gar nicht viel Worte machen.

Jeder sieht ja auch was anderes in den Bildern.

Michel
Ich habe auch zum ersten Mal den Raum anders wahrgenommen, diese Durchblicke, dass du hier stehen kannst und siehst drei Bilder, die in drei Räumen stehen. Das ist mir vorher nie aufgefallen hier in dem Raum.

O-Ton 4
Ja, ja. Ich habe ja auch die Fotos gemacht von der Ausstellung, von den Räumen hier. Und das hat sich dann eben natürlich angeboten, diese Überschneidung. Und auf dem Foto finde ich, ich meine klar, wenn man hier durchläuft, hat man ja einen anderen, also dann nimmt man es ja etwas anders wahr. Aber mit der Kamera kann man die ja dann auch teilweise so verdichten, dass die Bilder anders wirken.

Michel
Klar, mit der Schärfe noch verleugnen.

O-Ton 4
Ja, ja, genau. Genau.

Silvi
Gerade gedacht, wenn man jetzt sich hier hinsetzt und betrachtet dann die Bilder nochmal so im Einzelnen, dann entdeckt man für sich ja immer wieder neue Details.

Michel
Was hast du hier für dich entdeckt und was nimmst du mit nach Hause?

Silvi
Ich nehme das "Lautlose Leben" mit.

Amalie
CULTURA - Kulturgespräche. Der Podcast von Forum Cultura

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