Podcast Episode #02: In dieser Folge von CULTURA – Kulturgespräche spricht Stefanie Schmeink anlässlich der Vernissage der Ausstellung Überall ist Mitte im Museum Schlosspark Bad Kreuznach mit dem Künstler Christian Mieves. Im Mittelpunkt stehen seine Malerei, der offene Entstehungsprozess seiner Bilder und die Frage, wie Farbe, Form und Material die Richtung eines Werkes bestimmen. Mieves beschreibt, dass er ohne festgelegtes Ziel beginnt und sich die Bilder während des Malens verändern. Themen wie Wahrnehmung, Zwischenräume, Schichtung, Auslöschen und Übermalen spielen dabei eine zentrale Rolle. Auch der Ausstellungstitel wird besprochen: „Überall ist Mitte“ verweist auf ein Denken ohne festes Zentrum und ohne klare Hierarchie im Bild. So entsteht ein Gespräch über Malerei als Prozess, über das Unklare, das Intuitive und die besondere Kraft von Bildern, die nicht alles erklären, sondern zum eigenen Sehen einladen.

Lesen statt Hören

Entdecken Sie diese Podcast-Folge in Textform.

CULTURA #02 Transcript

Amalie
CULTURA – Kulturgespräche. Der Podcast vom Forum Cultura – herzlich willkommen. Anlässlich der Vernissage der Ausstellung Überall ist Mitte, im Museum Schlosspark in Bad Kreuznach, am 7. Juni 2026, sprach Stefanie Schmeink vom BBK mit dem Künstler Christian Mieves. Er ist ein im Nordosten Englands ansässiger Maler. Mieves ist Dozent für Bildende Kunst an der Newcastle University. Seine Gemälde wurden bereits in Ausstellungen in Deutschland, Mexiko, Spanien und Großbritannien gezeigt. Er hat in wissenschaftlichen Fachzeitschriften Artikel über Malerei sowie zu Themen wie Exotismus, Heterotopien und dem Strand veröffentlicht.

Stephanie
Herzlich willkommen alle. Stephanie Schmeink ist mein Name. Ich bin ganz kurz erzählt, was zu mir, wie ich überhaupt jetzt dazu komme. heute diesen wunderbaren Künstler mit seiner Kunst auch begleiten oder einführen zu dürfen. Ich bin Vorsitzende des BBKs, das heißt Großverbandesbildner Künstler und Künstlerin in Rheinland-Pfalz, also selber Künstlerin. Und wir haben uns kennengelernt bei der Rheinland-Pfalz-Triennale, wo der Christian wunderbar riesig großformatige Bilder ausgestellt hat in den Kaiserthermen in Trier. Wir hatten viele Installationen, viele Fotografie, Videos, es gab auch Malerei. Und trotzdem habe ich gedacht, ich habe deine Bilder gesehen und habe gedacht, wie ich die Malerei. Warum? Vielleicht kann der ein oder andere das von Ihnen auch sehen. Sehen Sie das auch so, dass es irgendwie hier richtig Malerei ist? Weil das hat so richtig mit Farbe und Form zu tun. Es geht so richtig um die Farbe. Weil sobald ich Farbe irgendwo drauf kippe, wenn ich nur eine Farbe habe, dann habe ich vielleicht das ganze Bild nur rot. Aber es dauert nicht lang und dann fangen schon an, dass wir stehen. Und sobald ich die zweite Farbe habe, bin ich sofort in der Gestaltungsfrage. Also ich bin in der Form. Farbe und Form gehören eigentlich immer zusammen. Und das ist in deiner Malerei das ganz große Thema. Das ist vielleicht auch letztendlich auch hintergründig. Und als ich hier gerade so hingedüßt bin aus Trier, habe ich gedacht, ich bin so neue Wege gefahren. Ich wusste gar nicht, wo es lang geht. Und bin über die Hunsrückhöhenstraße gefahren und dachte, ich fahre mich für die Autobahn. Also es war alles sehr aufregend eigentlich. hatte ein Navi und bin halt da so hingefahren. Ich wusste, ich komme irgendwo an. Ich wusste nicht, was da sein geht, nur so ungefähr. Und habe zwischendurch natürlich über diese Aufstellung nachgedacht. Und dachte, naja, ob es dem Christian auch so geht, wenn er mal hat. Also, da hast du auch so eine Art Navigation in dir. Man fängt ja irgendwo an und man weiß, man will irgendwo hin. Du fängst an und hast was ich so sehe, hast du eigentlich immer Leinwände, also das sind rechteckige oder qudratische Formate. Vielleicht hast du auch schon mal andere gemalt, aber alles, was ich von dir jetzt kenne, das geht also um Malerei auf irgendeinen Bildträger, der meistens irgendwie rechteckig ist. Und man weiß am Anfang, okay, da soll hinterher, wird das ein Bild. Das wird also etwas und du weißt vorher überhaupt nicht, denke ich mal, so habe ich dich verstanden, was es eigentlich wird. Genau. Ja, du fängst also Und das ist jetzt meine Frage. Also ich bin ja heute Morgen losgefallen. Ich wusste, ich war dahin. Und mein Navi hat mich eigentlich nicht geführt. So, und jetzt sind wir eigentlich schon mitten drin. Weil Navigation, also was ist eigentlich seine Navigation? Schwierige Frage, ich weiß. Ist vielleicht jetzt auch gemeint, aber...

Christian
Nö, das ist gut.

Stephanie
Ja.

Christian
Ja, ich glaube, die Navigation ist wirklich die Farbe und das Material. Und wenn man die Bilder anschaut, was, glaube ich, wichtig ist, ist dieser Malprozess. Und es geht gar nicht, ich habe kein festgelegtes Bild, wenn ich anfange, sondern das Bild verändert sich unglaublich während des Malprozesses. Und dass die Farbe oft das Bild bestimmt, dass die Farbe reagiert und die Farbe oft fast schon entscheidet, wie es weitergeht. Dass die Farbe oft zu flüssig ist, dann fließt alles runter oder zu fest und dann bleibt es stehen. Also das Material der Farbe ist, glaube ich, wegweisend. Vielleicht auf den Punkt, weswegen dieser Titelung. Vielleicht kommen wir dann noch zu sprechen. Also die Frage ist, glaube ich, die Navigation. Und ich glaube dann, ich weiß gar nicht, was sonst noch eine große Rolle spielt. Ich glaube, dann bin ich selbst überrascht, wie die Bilder sich entwickeln.

Stephanie
Ja, die Frage ist ja, also ich bin jetzt losgefahren und ich wusste, ich wäre ja in Bad Kreuznach. Ganz konkret, also noch. Und du, also deine Bilder haben ja einen Titel und sind nachher so, wie sie sind. Weißt du vorher, wenn du anfängst, schon, was es nachher wird? Also weißt du schon vorher zum Beispiel den Titel oder ein Thema? Also wie geht das eigentlich?

Christian
Also den Titel, den weiß ich vorher nicht. Ich weiß auch nicht genau, was es wird. Aber ich habe eine gewisse Idee von einem Bild.

Stephanie
Mit dem hier zum Beispiel. Wenn wir jetzt mal hier, wir fangen jetzt mal hier an. Da stehen wir jetzt so. Dieses Bild hat einen Titel, "Vage Schatten". Durfte ich gerade nochmal Sicherheitszeit bei mir die Übersetzung geben lassen. "Vage Schatten". Und ich würde Sie jetzt mal mit einladen, vage Schatten darin zu sehen. Ich habe mir das gerade angeguckt und dachte, es geht ja immer um Wahrnehmung in deinem Bild. Du fragst ja eigentlich, es geht immer um Wahrnehmung. Also, was sehe ich eigentlich? Also, ich mache so gar nichts anderes als Malerei. Ich verstehe dich so, du machst keine Geschichten, keine irgendwas, du malst, und dann gibt es aber einen Titel. Vage Schatten. Und was ist hier drin vage? Sehen Sie irgendwas, das vielleicht vage sein könnte?

Christian
Vielleicht kann ich einfach mal...

Stephanie
Vielleicht würde ich gerne mal sagen,

Christian
da sind bestimmte Themen drin, wenn man an Schatten denkt, dann ist das Objekt nicht direkt abgebildet, sondern es ist irgendwie nur der Schatten zu sehen. Das ist schon mal irgendwie eine Entfernung. Und wenn dieser Schatten dann noch vage ist, dann ist man nochmal zwei Schritte weiter weg und kann es gar nicht mehr genau sehen. Und das ist, glaube ich, die Idee bei vielen dieser Bilder oder auch bei diesem Bild, dass was da zu erkennen ist, ja nicht mehr so eindeutig ist, nicht mehr so klar erkennbar ist. Das ist oft, wie bei vielen dieser Bilder, dass oft die Zwischenräume wichtiger werden, dass oft Sachen durchstrichen werden und wieder ausgelöscht werden. Von dem, was wir da sehen, von dem zu sprechen, ist sehr schwer, was das wirklich ist. Mich interessiert eigentlich eher dieser Mittelgrund oder das Mittelstadium, wo irgendwas mittendrin ist, was halb ausgelöscht ist, wo die Linie halb zu sehen ist oder halb nicht zu sehen ist, wo man sagt, ja, war das denn ein Fehler? Ist das kein Fehler? War das gewollt? War das nicht gewollt? Und dass die Farbe halt auch immer präsenter wird. Ich glaube, dass die Farbe, die Farbkleckse immer wichtiger werden. Vielleicht auch so als so ein Indiz, wie groß das Bild eigentlich ist. Wenn man das auf dem Foto sieht und man sieht die Kleckse oder die Tropfen, Dann hat man auf einmal wieder einen Anhaltspunkt, wie groß das für Kling ist.

Marco
Ja? Darf ich vielleicht da zwischendurch kommen? Das war nicht abgesprochen. Ich funke jetzt mal da zwischendurch. Ich hatte auch mit Mieves, also Christian, vorher gesprochen. Und das Kennzeichen seiner Gebilde, was ich jedenfalls drin sehe, ist auch das Materielle. also die Materie, die Farbe an sich, das Pastose, dieser Unterschied in den Flächen, dann haben wir das eigentlich die gesichtliche Malerei eigentlich. Und wir haben über Cobra, die niederländische Abstraktionsgruppe, gesprochen und über Abstraktion. Und ich glaube, das ist das mal als Museumsleiter, der Titel nicht immer 100% wesentlich ist für die Erschließung eines Werkes. Sie müssen mit offenen eigenen Augen sich das anschauen Und Sie können interpretieren, aber Sie müssen auch bei den modernen Malereien nicht unbedingt interpretieren. Sie können mich ruhig auch korrigieren, wenn Sie es anders sehen. Aber dass es einfach auf sich wirkt und da komme ich zurück auf diese Farbe und Form. Das ist eine Einheit. Aber da steht auch das Intuitive ein, weil das war die Navigation.

Stephanie
Genau. Navigation ist wahrscheinlich sehr intuitiv bei dir, denke ich mal. und trotzdem hat man ja ihr Gefühl dabei. Und ich finde, das ist natürlich hundertprozentig richtig. Ich sehe das auch so wie sie. Und gleichzeitig, man kann ja so ein Bild ganz verschieden angucken. Es gibt ja hundert Millionen verschiedener Arten, ein Bild anzugucken. Das ist wie wenn ich die Natur anschaue. Ich kann ja Natur anschauen und sehe vielleicht ein Feld und denke, ach, ist das ein schönes Weizenfeld, was da so. Oder ich bin ein Landwirt und sehe das Feld und ich sehe sofort, ah, das ist beim Reif. Oder ich sehe den Wert. Oder ich sehe die Farbe. Oder ich sehe das Rauschen. Oder ich höre oder, oder, oder, oder. Und genauso ist es ja mir auch. Als ich das jetzt gesehen habe, dachte ich, ich wage Schatten. Das hat oft mit einem selber zu tun, so ein Schatten. Also man sieht, es gibt eine Andeutung. Und das ist oft in deinen Bildern so, dass es so Andeutungen gibt wie so kleine Anker, die so vielleicht irgendwie eine Person darin erahnen lassen, irgendwie den Menschen dahin finden. Das ist also nicht nur Landschaft. Meistens erlebe ich das nicht landschaftlich, sondern es hat schon irgendwas mit Menschen zu tun oder mit einem selber vielleicht sogar. Da unten sehe ich, ist so ein Stiefel. Das sieht aus wie ein Stiefel für mich vielleicht total zufällig, aber ich sehe eben in vielen deiner Bilder doch in gewisser Weise immer mal so Andeutungen von Figuren, wo man vielleicht einen Einstieg finden könnte. Ich mache jetzt einfach mal so einen ganz kleinen, ganz kleinen. Einfach weil es so viele verschiedene Möglichkeiten der Wahrnehmung gibt, würde ich einfach mal mir erlauben, eine Wahrnehmung ein bisschen auszubreiten, nur anhand von einem Beispiel. Vielleicht sieht der eine oder andere das ähnlich, vielleicht sehen sie es total anders. Aber wenn ich an wahrgeschalten denke, dann denke ich an Schatten, die nicht so ganz klar sind, nicht so ganz erkennbar. Das heißt, vielleicht würde ich einen Schatten denken, dass der so ein bisschen dann existiert. Dieser Schatten ist in gewisser Weise diffus, aber auch ganz kantig, also fast zersplittert. Also es ist gar nicht so ganz klar, es ist gar nicht so eine Form, dass man sagen kann, so Schatten ist so eine Form, sondern dieser Schatten könnte unterbrochen sein von Bäumen, von Ideen, von was auch immer, was da so reinkommt in so einen Schatten, was vielleicht auch auf die Erde fällt oder was quasi in Korrespondenz geht. Gleichzeitig sehe ich aber, es hat irgendwas mit mir zu tun. Also irgendwie da ist was mit dem Bein drin. Ich fühle mich also angesprochen womöglich sogar. Und meine, ich finde mich sogar da ein Bieder. Und vielleicht finde ich dann, ach, das könnte ja auch ein Gesicht sein, da oben oder da. Und es könnten ja auch noch Figuren sein, die da vielleicht eben auch noch drin sind. Und dann ist es gleichzeitig so, dass es total egal ist. Weil es geht überhaupt eigentlich gar nicht darum.

Christian
Aber was ich gut finde, sind diese Ankerpunkte. Ich glaube auch, dass es bestimmte Sachen gibt, an denen man sich festhalten kann. Ist nur die Frage, was das für Dinge sind. Und mich als Maler interessiert natürlich auch die, man sieht die Spuren, die Malspuren. Und man sieht die, wie es gemacht ist. Man kann die Bindelstriche sehen. Aber was uns das jetzt sagt, oder ich glaube, da hat jeder seine eigene Interpretation. Was ich nur sagen will, was auch ein Thema ist in meiner Malerei, ist wirklich dieses Bild, was im Entstehen ist. Wir sind so viel konfrontiert mit generierten Bildern, mit KI-generierten Bildern, wo alles fertig ist. Was ist denn der Malprozess, wenn der Bildentstehungsprozess in der Mitte gestoppt ist? Und wenn man sich mehr über die Entstehung Gedanken macht, als um das fertige Bild. Und das ist, glaube ich, so ein Gedanke, der bei mir sehr häufig vorkommt. Dass man sagt, man möchte die Bilder fast im Entstehen zeigen. Oder dass man die Malspuren sieht. Dass da nichts vorgetäuscht wird. Da ist nichts Illusionistisches dabei. Und da wird niemand sagen, das ist eine Fotografie. Und das ist auch bewusst so. Es geht ja nicht um die Repräsentation hier, um darzustellen, wie ein Auto aussieht. Nee, es geht um den Mal- und den Bildschaffensprozess selbst.

Stephanie
Als ich mich mit den Müll beschäftigt habe, habe ich ein Kompost gelernt. Und dieses Kompostieren ist ja etwas sehr Prozesshaftes. Da geht es ja um den Prozess. Also ich schichte Dinge übereinander, die Einzeldinge sind. Und dann passiert etwas. Mit den Mikroorganismen und Würmer und die Zeit und das Wetter. Und es passiert etwas im Prozess. Und das ganze Ding verändert sich. Und das ist natürlich für uns wieder Grundlage für was Neues. Aber dieses Prozess hat es. Es entsteht Wärme. Also ich sehe auch, das ist ja eine, wenn ich es mal so sagen darf, eine Art von Malerei, die ist ja fast wie draufgerufen. Also nicht wirklich draufgerufen, manchmal ganz geführt, manchmal ganz grob und stark und wild. Und dann passiert etwas und es geht gar nicht darum, irgendwas abzuwählen oder irgendwas, was es schon gibt, zu machen, sondern es entsteht etwas Neues. Etwas, was vorher noch nicht da war. Und das, ich weiß nicht, wie siehst du das mit dem Kompostieren?

Christian
Also Kompost finde ich auch sehr spannend. Also finde ich auch wirklich toll. Und ich finde es gerade, weil man sagt, es hat was mit Materialität zu tun. Also man kennt das alles, man schmeißt da einen Kompost auf und die Formen vergehen langsam. Und ich glaube, das ist gut zu erkennen hier, dass die Formen langsam vergehen. Aber auch, dass Kompost nicht der Endpunkt ist. Dass es wieder ein Start für einen neuen Anfang ist. Und das sind meine Bilder wirklich auch. Ich glaube, die Bilder arbeiten viel mit dem Prozess von auslöschen, wegkratzen, man kann es hier auch sehen, übermalen. Und was Neues kommt auch immer vor, was man nicht vorher bedacht hat. Ich glaube, auch dieser Überfluss im Kompost an Material, dass man sagt, da ist eine Materialität im Kompost, aber dass die Formen langsam zugrunde gehen, das finde ich irgendwie spannend.

Stephanie
Weil das ist für mich auch etwas ganz Faszinierendes. Das ist ja unser Leben. Das ist das prozesshafte Schlechthin. Und diese Bilder erlebe ich als etwas sehr Wahrhaftiges, sehr Direktes. Nichts anderes sein wollen, als was es ist. Und das ist, das zieht sich so durch. Das ist Farbe, das ist Form, das ist Prozess. Und irgendwie erlebt man sich da, glaube ich, sehr stark. Wir kennen uns ja gar nicht so gut. Und trotzdem, wenn ich die Bilder sehe, erlebe ich dich, glaube ich, in diesen Bildern und denke, ja, da ist etwas.

Christian
Vielleicht fühle ich mich nochmal gut auf den Titel zu kommen.

Stephanie
Ja, das wollte ich jetzt auch. Also, überall ist Mitte. Überall ist Mitte, finde ich, grandios als Thema. Du hast es geschrieben, es hat mit Bruno zu tun, der sich schon damit beschäftigt hat, dass ja eigentlich das Universum ist unendlich. Es gibt kein Festzentrum und kein Festmacht. Und das ist natürlich, also es gab mal irgendwann diesen Punkt in der Malerei, wo man dachte, es gibt nichts Wichtigeres als Zentralperspektive. Da geht es um die Mitte. Zentralperspektive, wir finden uns als Mensch, wir haben unsere Perspektive, wo ich stehe, ist total wichtig. das ist die Perspektive, nur die zählt. Wenn man das jetzt abstrahiert und den Brunot ernst nimmt oder auch der Malerei ernst nimmt und man sagt, das ist nicht nur ein Mittelpunkt, sondern Malerei bedeutet eigentlich, ich male nicht irgendetwas und setze das in die Mitte, sondern ich male ein Bild. Ich male das Bild. Und bei dem Bild ist es total egal, Also diese Stelle hier, die Mitte, ist ja gar nicht wichtiger als die Stelle oder die Stelle oder die oder da oder dort. Jede Stelle ist gleich wichtig in diesen Bildern, wenn ich das so glaube.

Christian
Genau, und das ist glaube ich auch, was mich an den Titel interessiert hat, dass es keine Hierarchie mehr gibt, dass das genauso wichtig ist wie das. Was man im Grunde sagt, ja, diese Hierarchien sind alle eingegeben. Und wenn man vielleicht auch die Bilder, wo man diese Figuren im Mittelgang sieht, die Figuren kann man auch gut sehen, dass die fast mit dem Hintergrund verschwinden. Dass das fast eingeht, die gehen fast runter. Also es gibt gar nicht mehr so die Figurgrund oder so eine klare Unterscheidung. Das ist glaube ich so ein Punkt. Aber ich denke auch mit der Perspektive, das ist ganz interessant, dass Giovanni Bruno während der Renaissance auch immer sagt, es gibt kein Zentrum, es gibt keine Mitte. Und wenn man das als Ordnungsprinzip nimmt und sagt, es gibt ganz viele Mitten hier, dann fand ich das irgendwie spannend und gedacht, ja, meine Bilder bewegen sich auch immer in Zwischenräumen. Ich habe oft darüber nachgedacht, was für eine Körperlichkeit diese Zwischenräume haben, wie kann man sich das denn vorstellen, wenn ich nicht das Objekt selbst darstellen möchte, sondern nur die Räume dazwischen. Und was haben die denn für eine Körperlichkeit? Und dass da einige dieser Bilder daraus entstanden sind, auch zu überlegen. Und deswegen, also überall ist Mitte. Der Gedanke war so ein bisschen, ja, Mitte ist so ein Schlüsselthema in der Malerei. Was ist denn aber, wenn überall Mitten sind? wenn es kein Ordnungsprinzip mehr da gibt, was heißt das? Und ich glaube, es hat was auch mit der Wahrnehmung zu tun. Wie Bilder sehen, dass Bilder nicht mehr so geordnet sind, sondern dass Bilder vergehen und entstehen. Und vielleicht, was man sagt, was hier drunter liegt, ist ebenso bedeutsam oder wahrnehmbar als was ganz mit dem draufsteht. Diese Schichtung ist wichtig. Es wird aus dem Zentrum weggerückt.

Stephanie
Was mich da interessieren würde, das mit der Schichtung, ich kenne das auch als Malerin, das ist so ein Thema. Wann merkst du, das Bild ist fertig?

Christian
Also ich glaube, wenn du es auf die Schichtung ansprichst, da würde ich wirklich sagen, wenn die Farbe nicht mehr hält oder so, oder wenn die Farbe zu flüssig ist, dann ist so ein Punkt, naja, dann lässt man es und dann geht man weg und kommt dann irgendwann wieder und sagt, naja, das sieht doch ganz gut aus, dann lässt man es so. Viele Bilder bewegen sich aber oft weiter. Man kann es auf Fotos oder Videos auch sehen, dass das Bild oder da gibt es Bilder da hinten, die in ganz anderen Stadien schon mal so waren und dann haben sie die Falte entwickelt. Dann haben sie es wieder übermalt. Insofern ist es ganz gut, da auch mal näher an die Bilder ranzugehen und zu gucken, ob die wirklich immer so waren, ob man da Schichten darunter entdeckt, die ein anderes Bild zum Vorschein bringen.

Stephanie
Dieses kleine Mädchen ist mir gerade so am Anfang direkt ins Auge gestorben. Warum auch immer die großen, aber irgendwie habe ich mir das als erstes angeguckt und habe dann gesehen, das heißt lauerloses Leben. Ich meine, deine Bilder regen mich einfach unheimlich, regen meine Fantasie sehr an. Da selber was drauf zu erkennen, aber auch so reinzuspüren, wie das so ist. Und da habe ich gedacht, lautloses Leben, die sind nicht alle gleich deine Bilder. Das hat eine ganz andere Sprache im Grunde als das, weil man so dieses Umhüllende so sieht und in so einer Stille eigentlich so ist, in dem alles ist so in so einer Stille eigentlich da drin. Da drin ist ganz viel und guck mal rum, ist es so eingehüllt. Und deshalb finde ich das mit deinen Titeln dann doch irgendwie auch total schön, die du dann gesetzt hast. Oder hier, wo das mit der Atmosphäre so reinkommt. Das ist ein atmosphärischeres Bild als das. Und man kann sich hier so durchbewegen und man findet ganz viel Ähnlichkeit, weil ein bestimmter Strich, ein bestimmter Doktor ist, wie du die Farbe aufträgst, wie du die Proposition machst, das ist deine Sprache. Und gleichzeitig gibt es dann so Nuancen. Also jedes hat dann doch wieder ein bisschen was Eigenes, das hier hat diesen dunstigen, frischen Tag, und du sagst, wow, das ist toll, da geht der Tag auf, und er leuchtet so. Und das ist immer laut, wo das von innen ganz viel Leben hat, aber von außen so still ist.

Christian
Das ist interessant, um vielleicht kurz zu sagen, wo die Titel herkommen, oder wie sie inspiriert sind, von einigen Büchern, und ich habe da vielleicht Bücher wie Joseph Conrad, der hat ein Buch geschrieben, das Herz der Finsternis, da geht es irgendwie darum, dass man auf einmal in den Dschungel oder in eine unbekannte Region aufbricht, wo man Sachen nicht mehr einordnen kann, wo man die Geräusche nicht mehr versteht, wo man dem Fremden auch immer gegenübersteht. Und was mich daran gereist hat, war wirklich dieses, ja man kann es nicht ganz einordnen. Man meint Sachen zu erkennen, viele Sachen sagen aber auch ihnen klar. Wir leben in einer Zeit, wo man denkt, alles ist erschlossen, alles ist klar, alles ist kategorisiert. Aber ich glaube, in diesen Bildern, was ich da aufzuspüren, für mich selbst aufzuspüren versuche, sind unbekannte Sachen. Das waren lieber vorher nicht unbedingt gedacht. So ein lautloses Leben, vielleicht vage Schatten, das ist ja auch sowas wie, man kann das nicht genau festhalten, man weiß nicht genau, was ist, ist bedrohlich, ist es nicht bedrohlich. Was heißt denn das für ein lautloses Leben? Also diese, aber auch so eine gewisse Distanzierung wieder. Also wir können es nicht genau, wenn man das Bild anschaut, man kann vielleicht sagen, ja, ich sehe da einen Mond oder ich sehe da sowas. Naja, aber andere Sachen passen nicht mehr rein. Ja, das ist glaube ich so ein Insurteil. Ja.

Amalie
Die Ausstellung Überall ist Mitte von Christian Mieves ist noch bis zum 26. Juli 2026 im Museum Schlosspark in Bad Kreuznach zu besichtigen Kommen Sie vorbei, es lohnt sich CULTURA – Kulturgespräche Der Podcast von Forum Cultura Herzlichen Dank, dass Sie mitgehört haben Bis zum nächsten Mal

Weitere Podcast-Episoden

Alle anzeigen

CULTURA #05

CULTURA #05

Ein faszinierendes Gespräch mit Christian Mieves über seine Ausstellung „Überall ist Mitte“, den kreativen Malprozess, die Schönheit der Uneindeutigkeit und warum analoge Malerei heute aktueller ist denn je.

Weiterlesenüber CULTURA #05

CULTURA #04

CULTURA #04

Tobias Mey nimmt uns mit in die faszinierende Welt der Anker-Steinbaukästen. Er erzählt von ihrer Entstehung, den Menschen dahinter und ihrer Bedeutung für Spielzeug-, Kultur- und Wirtschaftsgeschichte – eine persönliche Zeitreise voller Leidenschaft und spannender Geschichten.

Weiterlesenüber CULTURA #04

CULTURA #03

CULTURA #03

Wie entstand Forum Cultura? Silvi erzählt, wie ein Museumsbesuch im Museum Schlosspark Bad Kreuznach zur Idee einer Plattform für Kultur, Geschichte und Begegnung wurde. Ein persönliches Gespräch über Inspiration, Visionen und den Wunsch, kulturelle Schätze sichtbarer zu machen.

Weiterlesenüber CULTURA #03