Die außergewöhnliche Karriere des Friedrich Adolf Richter
Zeitgenossen beschreiben ihn als einen Mann "in großer Eile". Gemeint ist Friedrich Adolf Richter.
Als Sohn eines Bäckermeisters, geboren am 12. Mai 1846 in Herford, scheinen die Aufstiegschancen übersichtlich. Doch schon als Kind hat er nur ein Ziel vor Augen: Reich zu werden!
Seine unternehmerische Laufbahn beginnt er 1868, mit 22 Jahren, in Duisburg mit einem Kolonialwarenladen und dem Handel von chemisch-pharmazeutischen Hausmitteln, damals oft bezeichnet als "Geheimmitteln". Ein Jahr später tritt Richter auf ein weiteres Geschäftsfeld auf: er handelt nun ebenfalls in Bücher und Schulmaterial – was für die Geschichte der Ankersteine von Bedeutung werden wird.
Mit seinem Geheimmittel Richters Pain Expeller hat er seine ersten größeren Verkaufserfolge. Doch Richters Erfolge sind bedroht. Ärzte und Drogisten strengen Verfahren gegen ihn an, auch Plagiatvorwürfe sind dabei. Richter verkauft sein Geschäft und geht einige Zeit ins Ausland.
1874 kehrt er ins Deutsche Kaiserreich zurück und gründet in Nürnberg eine eigene Fabrik für "Pharmazeutische Spezialitäten". Unter anderem wird auch die Herstellung von Parfümerie- und Süßwaren aufgenommen. Im selben Jahr wird in Leipzig die Richtersche Verlagsanstalt registriert.
Geschickt versteht es "Doktor" Richter mit seinem 1873 an der Universität Philadelphia erworbenen Titel, für seine Geheimmittel in seiner Richterschen Kundenzeitung zu werben.
1876 verlegt er den Hauptsitz seiner Firma nach Rudolstadt, wo er vom Fürstentum die Erlaubnis erhält, eine chemisch-pharmazeutische Fabrik zu errichten. Er nutzt dabei eine Gesetzeslücke. Die Herstellung seiner Geheimmittel ist erlaubt, nur nicht deren Verkauf in Geschäften. So entwickelt Richter das neue Konzept eines Versandhandels, welches durch das gerade entstehende Eisenbahnnetz möglich wird. Der Versandhandel ist ein weiterer Erfolg des Marketingstrategen Richter.
Sein größter Coup soll ihm aber erst mit der Produktion eines neuen Spielzeugs gelingen, welches nicht nur die Fabrik weltberühmt, sondern ihren Eigner auch wortwörtlich steinreich macht:
Richters Anker Steinbaukasten.
Über den Pädagogen Jan Daniel Georgens bekommt Friedrich Adolf Richter Kontakt zu zwei Brüdern, die als Pioniere in die Geschichte der Luftfahrt eingehen: Otto und Gustav Lilienthal.
Georgens entwickelt Beschäftigungsspiele für Kinder, illustriert von Gustav Lilienthal. Vertrieben werden diese über Richter, der nach einem neuen Standbein sucht. Georgens erfindet auch einen Baukasten aus einer zementartigen Masse, mit mäßigem Anklang. Die Lilienthals entwickeln, dadurch angeregt, ebenfalls ein System aus keramischem Material, dessen Zusammen-setzung sie aus einem alten Handwerkerbuch zum Ausbessern schadhaften Sandsteins haben. Doch der Absatz der ab 1878 produzierten Lilienthal-Kästen ist enttäuschend gering und deckt nicht einmal die Herstellungskosten. Der Geschäftsmann Richter aber begreift augenblicklich, was für ein Potential in der Erfindung steckt und kauft die Rechte den Brüdern ab. Sofort lässt er die Herstellung der Steine weltweit patentieren und stellt Architekten ein, um das System zu verbessern und zu erweitern.
Das Gemisch aus Sand, Kreide, Farbpigmenten und Leinöl wurde gepresst und anschließend getrocknet um den Baustein in den drei typischen Grundfarben zu erhalten. Dabei musste besonders auf das genaue Maß der einzelnen Steine geachtet werden, damit diese auch gut stapelbar sind und damit stabile Bauwerke gebaut werden konnten.
Nach dem Erwerb der Rechte von den Brüdern Lilienthal lässt er das System 1880 sofort weiter entwickeln. Neben der Würfelhöhe von 20 mm in den Kästen, den Kleinkaliber Kästen (KK) erscheint zusätzlich ein zweites System mit Würfelhöhe 25 mm, die Großkaliber Kästen (GK). Diese GK Kästen werden letztendlich zu einem "Kassenschlager ".
Ergänzungskästen erscheinen. Mit diesen kann man einen gekauften Kasten zur nächsten höheren Baustufe erweitern. Ab 1884 erscheint die Baukasten Reihe, später als "Alte Folge " eingeordnet.
Schon vier Jahre nach der Einführung des weltweit ersten Systemspielzeugs gibt es neben einfachen Kästen auch „Luxuskästen“ mit mehreren tausend Steinen. Der größte Kasten enthält 2319 Steine, wiegt 50 kg und kostet die stolze Summe von damals 100,- Reichsmark. Diese sind freilich nicht für Kinder gedacht. Vielmehr versteht es Richter geschickt, einen neuen Kundenkreis zu erschließen: die Erwachsenen. Aufwändig in Farbdruck gestaltete Annoncen, gesetzt kurz vor dem Weihnachtsgeschäft verfehlen nicht ihr Ziel, so z. B. durch ein jährliches farbiges Inserat in der bekannten Leipziger Illustrierten Zeitung, die sonst grundsätzlich nur einfarbige Holzstichillustrationen veröffentlichte.
Ebenfalls eine Innovation Richters: Die Einführung eines Versandkataloges, welche ab 1883 erschienen. Der Kunde kann sich in Ruhe einen Überblick zu den verschiedenen Baukastensystemen verschaffen und mit beigefügter Postkarte die Ware bestellen. Zentrale Rolle in dieser Verkaufsstrategie spielten dabei auch die Ergänzungskästen und dekorative Elemente, welche zusätzlich erworben werden konnten.
Die Brüder Lilienthal versuchen ab 1886 erneut in das Baukasten Geschäft einzusteigen. Richter prozessiert gegen die Lilienthals mit Erfolg, das Patent wird jedoch aberkannt.
Geprägt durch die konkurrierenden Unternehmen versuchte Richter seine Produkte immer wieder zu verbessern und mit den neuen Baukästen den Zeitgeist zu treffen - ohne die ihm so wichtige Qualität der Bausteine zu beeinträchtigen. Einen Einblick, wie manche der konkurrierenden Unternehmen auftraten, können Sie in der Ausstellungsfortsetzung im Erdgeschoß gewinnen.
Ab 1887 übernimmt Richter das Symbol des Ankers seiner anderen Produkte nun auch für den Anker Steinbaukasten.
Dieser wird zum ersten globalen Spielzeugprodukt, den nicht nur jedes bürgerliche Kinder kennt, sondern auch ein hochinteressanter Zeitvertreib für Erwachsene ist, in einer Zeit, in welcher das Wort „Hobby“ noch nicht geläufig ist.
Neue Fabriken entstehen in Österreich, dann in den Niederlanden, den USA und schließlich in Russland.
Richter hat es geschafft. Er ist schon weit vor der Jahrhundertwende Multimillionär. In der Rudolstädter Fabrik sind um 1900 über 600 Mitarbeiter beschäftigt. Seine Angestellten genießen den Vorzug einer Kranken- und Rentenversicherung, damals nicht gerade üblich.
Der Richter Anker Steinbaukasten Verein (R.A.V.), der bis zu bis zu 16.000 Mitglieder zählte, wird gegründet. Als Mitglied kann man - ähnlich wie bei den Freimaurern - vom Lehrling zum Ehrenmeister aufsteigen. Eine Jury bewertet die Fähigkeiten beim Bauen und berechtigt die „Bauherren“ in bestimmten Abschnitten einen höheren Grad zu erreichen.
Eines dieser Jury-Mitglieder wird der Bauhäusler Professor Walter Gropius.
Richter ruht sich, wie alle erfolgreichen Fabrikanten, nicht auf seinem Erfolg aus. Als die ersten Tonträger erscheinen, verfolgt er die Entwicklung mit großem Interesse und kauft das Patent der elektrischen Aufnahme für Schellackplatten. In seiner Fabrik werden nun auch Musikautomaten und Grammophone der neuesten Technik hergestellt. Doch bevor Richter hier ein neues Imperium errichten kann, soll sich sein starker Zigarrenkonsum rächen. Richter stirbt am 25. Dezember 1910.
Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs verliert das Unternehmen die meisten seiner ausländischen Filialen und Fabriken, was zu einer erheblichen Belastung führt. Die Inflation in der Weimarer Republik Anfang der zwanziger Jahre vernichtet große Teile des Firmenkapitals. Erbstreitigkeiten und das Erscheinen eines zeitgemäßeren Bauspielsystems, des Metallbaukastens, beschleunigen den Niedergang der Firma. Anfang der dreißiger Jahre hat der Steinbaukasten seine Führungsrolle im Spielzeugsektor längst verloren. Die letzten Anteile der Familie werden notgedrungen veräußert. Nach dem zweiten Weltkrieg werden dann Teile der Fabrikanlagen von den Sowjets als Entschädigung demontiert und die Fabrik unter dem Namen „Volkseigenen Betrieb Ankerwerk Rudolstadt“ seitens der DDR verstaatlicht.
Die neue Republik versucht auch über den Anker-Baukasten Einfluss auf die Jugend zu nehmen. Neuerscheinungen wie etwa der „Großblock - Montage-Baukasten Pionier“ sollen die politische Richtung der Heranwachsenden vorgeben. Zudem versucht man, über den Verkauf der Anker-Kästen in das „imperialistische Ausland“ an begehrte Devisen zu kommen. Doch die Nachfrage sinkt weiter, was unter anderem auf die etwa seit 1905 auf dem Markt kommenden Metallbaukästen zurückzuführen ist, mit welchen technische Neuerungen wie etwa Eisenbahn, Auto und Flugzeug funktionierend umgesetzt werden konnte. Ab etwa 1950 verdrängen die bekannten Klemmbausteine mit Noppen aus Kunststoff die Baukästen der Firma Anker weiter aus dem Markt. So wird die Produktion des einst weltberühmten Bauspiels im Jahr 1963 endgültig eingestellt und die nicht verkauften Steine verschenkt.
Es gibt aber dennoch ein „Happy End“.
Die haptische Bedeutung des Steinbaukastens wird im Zeitalter des Internets wiedererkannt. Die „Ankerstein GmbH“ hat die Produktion der Kästen seit 1995 nicht nur wieder aufgenommen, sondern auch neue Ausgaben für Jung und Alt entwickelt.
Autor: Tobias Mey